Die Schneekönigin #4

General Boron

Ein leichtes Rütteln ließ seinen Verstand langsam erwachen. Die Sabber seines Ghuldieners Vryg, welche direkt auf sein Gesicht tropfte, machte den Weckprozess jedoch erst vollkommen.

Noch wacher konnte er jetzt nicht mehr werden.

Angeekelt wischte er sich die feuchten Tropfen aus dem Gesicht. Vryg würde es nie lernen. Jeden morgen aufs Neue sabberte der tollpatschige Ghul ihm ins Gesicht. Seufzend – und wieder trocken – öffnete er die Augen und sah seinen Diener böse an, welcher sich darauf eingeschüchtert duckte und einige ‚grummel‘ Geräusche von sich gab. Reden konnte der Ghul nicht. Dennoch verstand er sofort, was sein Ghul ihm sagen wollte.

Vryg war sein erster und bisher einziger Diener. In seiner Position besaß er zwar das Recht, sich mehrere Diener zu zulegen, er konnte und wollte sich jedoch nicht vorstellen, wie das mit mehreren Dienern aussehen würde. Er brauchte keine Meute von untoten Wesen, welche ständig um ihn herum wuselten. Dieser eine reicht ihm – und der war auch tollpatschig genug. Weitere Ghule rief er daher nur, wenn er sie im Kampf benötigte.

Ein weiteres Mal grummelte Vryg vor sich hin.

„Ist ja gut! Ich steh ja schon auf.“

Boron verstand seinen Ghul auf Anhieb. Das war etwas, was er mit allen Rittern seiner Art gemeinsam hatte. Sie wussten genau, was ihre Diener sagten. Aber nur bei ihren eigenen. Die Diener von anderen Rittern verstanden sie nur, wenn sie im Rang höher waren als der Besitzer. In dieser Hinsicht hatte er einen Vorteil.

Er war der ranghöchste Ritter.

Er war General Boron, der Oberste General ihrer Majestät der Schneekönigin. Unter ihm befanden sich die Sechs Geisterreiter, welche nach ihm die höchsten Kommandanten waren, sowie das Heer der Eisigen Lande. Er befehligte die Tundrariesen, die Frostlinge, die Ghulmeute, die Knochenritter und seid einiger Zeit hatte er auch die Befehlsgewalt über die Frostbrutwyrmlinge. Egal mit was für Sprachen oder Geräuschen seine untergebenen kommunizierten, er konnte sie alle verstehen.

Ebenfalls ein weiterer Vorteil seinerseits, war die Möglichkeit des selbstständigen Denkens und ein gewisses Maß an eigener Entscheidungsfreiheit. Dies besaßen außer ihm nur noch seine Geisterreiter. Alle anderen verfügten über keinerlei eigenen Verstand und waren unfähig selbst zu denken. Allein die Ausführung ihres Befehls war für sie von Bedeutung, womit sie nicht anderes waren als Marionetten.

Seine Herrin hatte wirklich einen Narren an ihm gefressen, das sie ihm derart viele Privilegien gab. Er war von Anfang an ihr Liebling gewesen. Er war größer, stärker, besser gebaut und sah auch besser aus, als die anderen Ritter. Gut, ob er besser aussah, konnte er nicht wirklich beurteilen, aber er sah auf jeden Fall lebendiger aus. Die anderen Ritter hatten ihr Verfallsdatum oftmals schon lange überschritten und in vielen Fällen hatten sie schon Ähnlichkeiten mit Zombies – oder sahen sogar schlimmer aus. Er dagegen sah noch aus, wie ein normaler Mensch.

Boron zog die Decke beiseite und stellte fest, das er nackt war. Sie war die Nacht über wieder bei ihm gewesen. Seine Privilegien brachten leider auch einige Pflichten mit sich. Er musste seiner Herrin zu Diensten sein, was immer sie auch wollte. Ob es ihm widerstrebe oder nicht. Dazu gehörte zu seinem Leid auch, das er sich mit ihr das Bett teilte, wenn ihr danach war. Etwas, das er im Geiste nur widerwillig akzeptierte, doch hatte er schon zu Anfang bemerkt, das er eh keine Wahl hatte, also behielt er seine Abneigung des bezüglich für sich. Wenn die Königin etwas wollte, dann brauchte sie es nur zu befehlen und auch er konnte sich nicht dagegen wehren. Jeder Befehl ihrerseits musste sofort erfüllt werden, ohne Umwege, ohne Kompromisse.

Bevor seine Gedanken für eine weitere Verzögerungen sorgen konnten, stand er auf und ging in einen kleinen Nebenraum, um sich zu waschen. Im Anschluss daran betrachtete er sich im Spiegel. Seine Haut hatte über die Jahre ihre Farbe verloren. Früher war er viel in der Sonne gewesen und seine Haut war gut gebräunt, doch jetzt war sie blass. Nicht so blass, wie bei einem Toten, doch es kam dem sehr nahe. Seine Augen waren früher schon blau, jedoch war dies mehr ein Azurblau, nun waren sie viel heller und leuchteten in einem eisigen Blau. Der Rest von ihm hatte sich nicht viel verändert. Er war noch ein kleines Stück gewachsen und seine Muskeln waren deutlicher ausgebildet, einige Narben zierten seinen Oberkörper. Darunter auch jene, welche ihn in die Arme seiner Herrin getrieben hatten. Früher hatte er keine Narben…

Er schloss die Augen und versuchte sich an sein voriges Leben zu erinnern. Da war Schmerz, welchen er oft hatte allein ertragen müssen. Dann waren da Freunde, welche ihm Halt boten, seinen Schmerz linderten und mit denen er lachte. Da war ein Mädchen, das er gemocht hatte. Es kam ihm der Tag in den Sinn, an dem er von seinem alten Leben getrennt wurde.

Er konnte sich an Schmerzen erinnern.
Der Geschmack von Blut im Mund.
Wasser, welches seinen Körper in eine kalte Umarmung schloss.
Tiefe kalte Dunkelheit, in welcher er ertrank.
Und dann war da diese süßliche Stimme, welche ihn aus der Dunkelheit führte. 

»Ah ja! Da war ja was. Das hätte ich fast vergessen.« Er war ja gestorben und – wie auch immer er hier gelandet ist – anschließend von seiner Herrin wieder erweckt. Seid dem ist er der Sklave ihres Willens.

Seufzend legte er eine Eisschicht auf seine Haut und rief seine Rüstung an. Das Eis formte die Gegenstände, an welche er dachte und nachdem sie ihre Form vollendet hatten leuchtete das Eis in einem hellblau auf und seine Rüstung war erschienen.

»Kleidungswechsel durch Gedanken. Fauler geht es nicht. Was will man mehr?« Er atmete Tief durch und bereitete sich gedanklich auf den Tag vor. Seine ruhe war vorbei. Die nächsten Stunden war er wieder der Gefühlskalte General Boron, der seiner Herrin und der kleinen Lady jeden Wunsch von den Lippen abließt ohne jemals seine Emotionen zu zeigen. Einzig ein amüsiertes fieses Grinsen und eine fiese Art von Belustigung zeigte er ab und an. Amüsant fand er selbst die Situationen zwar nie, aber wenn es seiner Herrin gefiel, dann zeigte auch er etwas Freude daran. Immerhin wollte er sie nicht verstimmen.

Ein weiteres Mal seufzte er und begab sich aus seinen Räumlichkeiten. Sein Ghul folgte ihm. Einige lange eisige Gänge gingen sie entlang und befand sich schließlich in den Haupthalle, in welcher der Eisthron stand. Seitlich an der Wand stand großer Tisch, welcher bereits reich gedeckt war. Das Frühstück war bereits aufgetragen. Von seiner Herrin und der kleinen Lady war jedoch noch nichts zu sehen.

„Vryg, schau mal nach der kleinen Lady.“, befahl Boron seinem Diener und dieser wackelte auch sofort los in die Richtung der Gemächer, welcher die Prinzessin in eigen nannte. Er selbst machte es sich am Tisch bequem und begann mit dem Frühstück. Ein Ritter trat zu ihm an den Tisch und überreichte ihm einige Berichte, welche er bei seinem Frühstück studierte.

„Dein Arbeitswille ist wirklich erstaunlich.“, erklang hinter ihm eine weibliche Stimme, welcher man einen deutlichen müden Klang entnehmen konnte.

„Eure Sicherheit hat für mich oberste Priorität, meine Königin. Das gilt sowohl für eure Sicherheit, wie auch für die Sicherheit von der kleinen Lady.“

Er bemerkte, wie sie neben ihn trat und ihre Arme um seinen Hals legte. Ein leichter Druck war auf seiner linken Schulter zu spüren und er wusste, das sie sich darauf lehnte. Er bemerkte ihren Kopf in seinem Nacken. Morgens, wenn die Müdigkeit noch in ihren Knochen saß, war die Hoheit immer leicht kuschel bedürftig. Daher war diese Zeit die Angenehmste des Tages. Sobald seine Herrin wieder vollständig wach war, würde ihre unausstehliche Art zurückkehren.

Unbeeindruckt lies er ihre Berührungen über sich ergehen. Boron wusste, das er nicht darauf reagieren musste. Sie wollte nur jemanden zum anlehnen, wie jeden morgen. Gefühle seinerseits erwartete die Königin nicht.

Nach einigen Minuten lies die Königin ihren General wieder los und sah ihn darauf an. Er bemerkte ihren Blick und ließ von seinen Berichten ab, um seine Herrin anzublicken. Sie schien nachdenklich.

„Habt ihr einen Wunsch, meine Königin?“, fragte er nach und betrachtete darauf noch einige Minuten, wie die Königin unschlüssig über etwas nachdachte.

„Ich werde heute mit meiner Tochter einen Ausflug machen. Lass den Schlitten vorfahren.“, sprach sie schließlich ihre Gedanken aus und begab sich darauf auf ihren Platz, um mit ebenfalls zu frühstücken.

Boron gefiel es gar nicht, das die Königin an diesem Tag auf eine Ausfahrt bestand, jedoch hütete er sich, dies zu zeigen.

„Wie ihr wünscht meine Königin. Heute steht ein wieder die Grenzpatrouille an. Wünscht ihr mich zu begleiten, oder soll ich dies verschieben?“ Keines von beidem war ihm recht. Mit etwas Glück würde jedoch sein Notfallplan in Aktion treten. Die Frage war da nur, ob die Königin da mitspielte.

„Wir begleiten dich“, antwortete sie knapp und widmete sich darauf dem Essen.

„Wie ihr wünscht. Ich werde alles vorbereiten.“

Der General nahm sich die Berichte und verschwand nach einer Verbeugung aus dem Saal.


Sein Weg führte ihn zunächst zu den Ställen. Unterwegs dorthin lief ihm der Ghul Gadpat über den Weg. Dies war einer der Ghule von dem Geisterreiter Belkhaz. Wie die Ritter zu ihren Teils bekloppten Namen kamen, das wusste Boron. Die suchte die Königin aus. Die Ghule hingegen hatte ihre Namen bereits – woher auch immer. Gadpat war einer der Ghule, bei denen sich Boron fragte, wie dieser nur an einen derart dämlichen Namen gekommen war. Der Name seines eigenen Dieners kam ihm oft schon seltsam vor, doch Gadpat? Wer hatte da den bitte zu oft am Frostwyrmdung geschnüffelt?

Das Gadpat nun neben ihm stand und freudig seinen Befehl entgegen nahm, kam für Boron sehr gelegen. So musste er nicht selbst zu Belkhaz laufen. Dieser war diese Woche für den Geleitschutz der Königin zuständig, daher sollte der Geisterreiter nun mit neun weiteren Rittern im Hof auftauchen und auf die Königin warten.

Es dauerte ganze drei Stunden, welche Boron mit den anderen Reitern im Hof auf die Königin wartete. Nicht mehr lang und es war Mittag. Zum Glück verliefen die Ausfahrten mit dem Schlitten schneller, als wenn er seine Patrouille allein durchziehen würde. So konnte er vielleicht noch halbwegs pünktlich erscheinen.

Mit einem stark gelangweilten und etwas deprimierten Ausdruck stand am Schlitten und lehnte sie an diesen an. Die Königin bemerkte seinen Blick natürlich und sprach ihn auch gleich darauf an.

„Boron, ist dir noch immer langweilig?“, fragte sie leicht amüsiert, worauf er leicht zusammenzuckte.

„Ja, meine Königin.“, antwortete er und reichte seiner Herrin eine Hand, um ihr in den Schlitten zu helfen. Darauf half er der Prinzessin in den Schlitten und breitete einige Decken auf den Beinen des Mädchens aus. Anschließend stellte er sich hinter seiner Königin auf den Schlitten.

„Los!“, befahl die Königin und ein Skelett, welches einen halb zerrissenen Smoking trug und vor der Königin auf dem Kutschbock saß, schwang die Peitsche. Darauf setzten sich die Pferde in Bewegung und die Fahrt begann. Der Geisterreiter Belkhaz ritt links neben der Kutsche. Zwei Ritter ritten vor ihm und zwei hinter ihm. Auf der rechten Seite des Schlittens ritten die anderen fünf Ritter neben dem Schlitten her.

„Boron, warum ist dir in letzter Zeit immer so langweilig?“, fragte die Königin nach einer Weile und betrachtete dabei die weite weiße Landschaft

„Ich bin ein Krieger, mein Königin. Ich liebe es zu kämpfen und brauche die Herausforderung. Leider ist dies zur Zeit nicht gegeben. Es ist schon lange her, dass ich einen Kampf hatte, der mich wirklich gefordert hat.“, versuchte er zu erklären und musste es sich verkneifen erleichtert aufzuatmen, als er ein amüsiertes Lachen seiner Herrin vernahm.

Danach war es eine Zeitlang ruhig. Es war bereits Mittag und langsam steuerten sie auf den See zu, von dem er insgeheim hoffte, das auch an diesem Tag niemand dort war. Seid einigen Wochen schaute er regelmäßig an diesem See vorbei. Er erwartete jemanden, jedoch zog er es vor, wenn dies Treffen ohne die Königin stattfand.

Seine Augen waren besser, als die der anderen Ritter und so entdeckte er zuerst, das vor ihnen einige Personen im Schnee standen. Er sagte nichts und wartete, bis auch die Ritter sie bemerkten. Einige Minuten später wurde auch Belkhaz auf die Personen aufmerksam und der Schlitten steuerte auf diese Personen zu.

Einige dutzend Meter von den Personen entfernt blieb der Schlitten stehen und die Königin wandte ihren Blick zu den fremden Personen.

„Offenbar haben wir hier einige Eindringlinge.“, stellte die Königin fest und Boron wandte seinen Blick zu den Fremden, um diese ebenfalls zu betrachten. Diese musterten ihn und die anderen Ritter ebenfalls und er konnte Angst und Schrecken an ihnen erkennen. Einige zitterten sogar, was jedoch auch von der Kälte kommen konnte.

„Meine Ritter werden sich sofort darum kümmern, meine Königin.“, sprach er und lachte innerlich, als er den erneuten Schrecken in den Fremden erkannte, welcher sich durch seine Stimme in ihnen ausbreitete. Seine Ritter wollten sich schon in Bewegung setzen, dich die Königin hielt sie auf.

„Nein.“, befahl die Königin und die Ritter blieben stehen. Darauf betrachtete sie die Ninja abschätzend und grinste darauf auf eine fiese, unheimliche und recht verzerrte Art. „Ich gönne dir etwas Abwechslung, Boron. Unter den Rittern gibt es für dich keine angemessenen Gegner, daher darfst du dich etwas mit diesen sterblichen vergnügen.“

Innerlich machte Boron nun Freudensprünge. Seine Langeweile war sein Notfallplan gewesen und seine Herrin hatte den Köder nicht nur entdeckt, sondern auch angebissen. Boron sprang vom Schlitten und ging langsam einige Meter auf die Fremden zu, ehe er stehen blieb und sich zu seiner Königin umdrehte.

„Komm nach, sobald du fertig bist. Wir setzten unseren Weg fort.“

Er verneigte sich leicht vor seiner Herrin und sprach: „Wie ihr wünscht, meine Königin.“ Der Schlitten setzte sich darauf wieder in Bewegung und verschwand in der Ferne.


Nun war er allein mit den die Ninja, welche dicht aneinander gedrängt einige Meter vor ihm standen und ihn zitternd betrachteten. Ob ihr Zittern von seinem Anblick kam, oder ob es allein an der Kälte lag, das konnte er nicht sagen. Er vermutete jedoch, das es eine Mischung aus beidem war.

Noch immer beobachteten sie ihn.

Er würde warten.

Warten, bis sie den ersten Schritt machten. Er durfte sich amüsieren und hatte alle Zeit der Welt. Wozu also beeilen?

Ein Gedanke zu „Die Schneekönigin #4“

  1. Hi, super war´s.

    So so, das war also mal ein Tag in der Sicht von Boron/Naruto,
    auch wie es dazu kam, dass Er jetzt bei ihr ist und ihr Dienen muss.
    Ich denke mal die kleine Lady ist auch seine Tochter?

    Bin gespannt was noch passiert.

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