Ein Grund zu Leben #2

Ich und Sensei?

Hier stand ich nun, im Büro des Hokage und hörte mir (mal wieder) eine Predigt darüber an, dass man in meiner Position pünktlich zu erscheinen hat. Das er sich diesen Stress überhaupt noch antat, vor allem in seinem Alter, war für mich immer wieder ein Rätsel.

„… Früher warst du mal so ein vorbildlicher junger Ninja! …“

»Na super, jetzt geht das schon wieder los.« Ich wusste selbst, dass ich früher pünktlicher war. Das brauchte er mir nicht jedes mal wieder vorkauen. Langsam könnte er sich auch mal einen neuen Text zurechtlegen. Immer die gleiche Predigt wurde auf Dauer langweilig. »Werde fertig und komm endlich zum Thema!«

Es war wirklich immer wieder unglaublich, was der alte Mann für eine Ausdauer hatte. Für gewöhnlich zeigt er sich nett und freundlich. Jeder im Dorf freut sich, dass sie so einen super Hokage hatten, aber die wenigen Personen, die seine Wutausbrüche kannten und sich regelmäßig seine Moralpredigten anhören mussten, sahen ihn auch noch aus einem ganz anderen Blickwinkel.

Interessanter Weise war der Hokage die einzige Person, die ich kannte, bei deren Wutanfällen man größte Schwierigkeiten hatte, die Worte zu verstehen, die in dieser Phase von ihm gesprochen wurden. Nicht weil er viel zu Laut schrie und man sich die Ohren zuhalten musste … eher anders herum. Er redete sehr ruhig und extrem leise, sodass man schon sehr genau zuhören musste, um überhaupt mitzubekommen, was er zu sagen versuchte. Von der Verständlichkeit war die brüllende Version zwar deutlicher, doch diese leise Art eines Wutanfalls, war um einiges gruseliger.

Wann hatte er jetzt zum letzten Mal Luft geholt? Vor fünf Minuten? Oder kam mir das nur so vor? Sein wütendes rotes Gesicht, welches langsam einen ungesunden Blauton annahm, zeigte jedenfalls deutlich, dass er mal wieder Atmen sollte – doch daran musste er schon selbst denken. Ihn in dieser Situation zu unterbrechen würde nur jemand, der nicht ganz bei Sinnen war und dafür hing ich dann doch noch zu sehr an meinem Leben. Irgendwann quatschte er sich sicher nochmal zu Tode.
Nach einer gefühlten Stunde holte er dann doch endlich mal wieder Luft. Zum Glück! Er sah schon so aus, als würde er jeden Moment aus den Sandalen kippen. Offenbar war er mit seinem heutigen Vortrag fertig, denn nach einigem gequältem Luftholen hatte er nicht nur eine weitaus gesündere Gesichtsfarbe angekommen, sondern sich auch endlich wieder in seinen Sessel gesetzt.

Vergleichsweise entspannt saß er nun dort und schaute zu seinen Akten auf dem Schreibtisch. Mal warf er diesen und mal mir vernichtenden Blicke zu. Er schien über etwas nachzudenken, was ich an seiner überdeutlich gerunzelten Stirn erkennen konnte. Das waren nicht nur altersbedingte Falten.

„Kakashi, ich habe eine neue Aufgabe für dich.“

Das war mir klar, sonst hätte er mich ja nicht rufen lassen. Statt weiterzureden durchlöcherte er mich jedoch zunächst nochmal mit einigen seiner nicht zu deutenden Blicke.

„Ich werde dir die Leitung für Team 7 übertragen und du bekommst drei junge Genin an deine Seite, die ab heute ein Team sein werden.“

Zu sagen „Ich war überrascht!“ würde es nicht ganz treffen. Ich war verblüfft, verwirrt und zudem auch völlig überrumpelt, als der dritte Hokage mir seine Entscheidung aufdrückte. Meine Begeisterung hielt sich in Grenzen, wobei das auch nicht ganz Korrekt war. In Grenzen würde heißen, dass sie noch über ein gewisses Maß an Freiraum verfügen würde – und das war eindeutig nicht der Fall. Eingekerkert wäre im Moment wohl zutreffender.

Hatte er eigentlich eine Ahnung, was er mir damit antat? Die Betreuung eines Genin Teams bedeutete Verantwortung und längerfristige Zusammenarbeit. Es bedeutete, dass ich demnächst nur noch Missionen bekommen würde, bei welchen ich in Begleitung unfähiger Kinder wäre. Frischlinge von der Akademie, die noch keine Ahnung vom wahren Alltag eines Ninjas hatte, oder von den Seelenqualen, die einen Überlebenden erwarten konnten.

Ich war der notorische Einzelgänger. Mit Teams kam ich nicht klar. Mit der Verantwortung für andere Personen ebenfalls nicht. Ich hatte da einfach kein glückliches Händchen für. Menschen, die mir was bedeuten starben mir grundsätzlich vor der Nase weg – und dieser Kinder würden mir Früher oder später auf jeden Fall ans Herz wachsen. Genau aus diesem Grund mied ich ja so gut wie möglich jeden Kontakt zu anderen Menschen. Ich wollte einfach keinen meiner Freunde mehr sterben sehen – und wenn man Freunde vermied, dann hatte man das Problem nicht!
Mein Blick musste Bände sprechen, denn der Hokage schien genau zu wissen, woran ich dachte.

„Ein Nein werde ich nicht dulden. Dieses Team wird deines, ob du es willst oder nicht. Komm her und sie dir die Akten an.“

Seufzend ging ich dann auf den Schreibtisch zu und nahm die erste Akte entgegen. Es war die eines rosahaarigen Mädchens mit grünen Augen. Ihr Name war Sakura Haruno. Sie stammte aus keinem nennenswertem Clan ab, weder in Shinobikreisen, noch unter den Zivilen Clans. Ihr Noten waren erstaunlich gut und ihre Chakrakontrolle herausragend. Für eine junge Kunoichi, die keinen besonderen Eigenschaften mitbrachte, war das weit mehr als man erwarten würde.

Die zweite Akte betrachtete ich nur flüchtig. Ich kannte den Namen, der darauf zu lesen war. Sasuke Uchiha. Seitdem der Clan von einigen Jahren ausgelöscht wurde, war dieser Junge mehr oder weniger mein Zögling. Die Aufgabe habe ich eigentlich nur übernommen, weil ich es seinem sterbenden Bruder versprochen hatte. Sasuke kannte ich daher sehr gut und warf nur einen kurzen Blick auf seine Noten, die wie zu erwarten über dem Durchschnitt lagen.

Die dritte Akte lag noch vor dem Hokage. Langsam griff er nach ihr, doch er gab sie mir zunächst nicht. „Der dritte Genin ist unser Jinchuuriki.“, meinte er und beobachtete mich genau.

„Warum ausgerechnet er? Kann ich nicht einen anderen Genin bekommen?“ Ich war genervt, dass erkannte man sicherlich sehr gut. Auf diesen Bengel hatte ich so gar keine Lust. Warum musste ich ausgerechnet diesen Jungen bekommen?

„Tut mir Leid, aber das ist nicht möglich. Du bist der einzige Jonin, dem ich diesen Jungen anvertrauen kann.“, seufzte der Hokage und reichte mit nun auch die Akte dieses Jungen. „Sie dir doch erst einmal seine Akte an, bevor du weiter über ihn urteilst.“

Grummelnd nahm ich auch seine Akte entgegen und öffnete sie langsam. Warum nur? Warum musste mein Leben so scheiße sein? Warum musste ich jetzt auf einmal ein Genin Team leiten? Warum musste ich ausgerechnet diesen Jungen …

Weiter kam ich nicht, da meine Augen nun das Bild in der Akte erblickten. Matte blaue Augen sahen mich an. Es war schon fast erschreckend, wie viel Trauer und Leid ich in diesen Kinderaugen erkennen konnte. Das Haar war recht verdreckt und von einem recht dunklen Blond. Im sauberen Zustand könnte es auch ein helleres Blond sein, doch das war so nicht zu erkennen. Was mich jedoch am Meisten schockierte war die Ähnlichkeit. Dieser kleine Junge sag fast genau so aus, wie mein Sensei. Wie ein jüngeren Version von ihm.

Nur am Rande registrierte ich, dass der Hokage neben mich getreten war. Erst als er einen Zettel über das Bild legte, konnte ich mich davon losreißen. Das neu aufgetauchte Blatt studierte ich natürlich auch. Es war die Geburtsurkunde des Jungen. Sein Name war Naruto und … Er war der Sohn von Minato und Kushina?

Warum wusste ich davon nichts? Warum hat mir nie jemand etwas davon erzählt? Ich hatte einen Bruder und wusste nicht mal, dass er existiert. Gut, er war nicht mein richtiger Bruder, da wir genetisch nicht miteinander verwandt waren – aber Minato war auch mein Vater, verdammt nochmal!

„Du fragst dich jetzt sicher, warum ich dir bisher nichts von ihm erzählt habe.“

»Ach, war das jetzt so deutlich zu erkennen?« Aus irgendeinem Grund war ich mir nicht so ganz sicher, ob der Hokage diese Frage rhetorisch gemeint hatte, oder nicht. Ich war mir ja nicht einmal sicher, ob er sie ernst gemeint hatte, oder ob er mich verspotten wollte.

Da der Hokage leider keine Anstalten machte, dieses Frage auch zu beantworten, musste ich sie wohl doch selbst noch einmal stellen. „Warum weiß ich nichts von meinem Bruder?“

„Er ist nicht dein Bruder!“, kam es sofort in strengen Ton vom Hokage.

Was sollte das denn jetzt? Er wusste doch genau, wie ich zu Minato stand und er zu mir. Warum verweigert er mir jetzt das Recht Naruto als meinen Bruder anzusehen?

„Natürlich ist er mein Bruder. Minato hat mich aufgenommen, mir ein zuhause gegeben, mich erzogen. Er war Jahrelang wie ein Vater für mich und meine Familie, so wie ich ein Teil seiner Familie war. Demnach ist sein Sohn auch mein Bruder, ob biologisch verwandt oder nicht!“, gab ich trotzig zurück.

Kam es mir nur so vor, oder benahm ich mich auf einmal wie ein kleines Kind? So wie der Hokage mich ansah, schien dies durchaus der Fall zu sein. Diesen speziellen zurechtweisenden Blick sah man nämlich nur, wenn sein Enkel Konohamaru wieder einmal Mist gebaut hatte. Ihn jetzt selbst abzubekommen war etwas seltsam.

„Das ist mir klar.“ Seufzend stemmte der Sandaime die Ellenbogen auf seinen Schreibtisch, faltete die Hände und bettete sein Kinn darin. „Da ihr aber nicht die gleichen Gene teilt und Minato dich auch nie offiziell Adoptiert hat, zählst du gesetzlich nicht als sein Bruder. Der Rat hat damals leider beschlossen, dass nur seine direkten Verwandten und sein Vormund wissen dürfen, wer er ist, wodurch nicht einmal der Rat selbst Narutos Eltern kennt. Die Geburtsurkunde liegt bei mir zuhause in meinem Safe, damit sich niemand daran zu schaffen machen kann.“

„Das war die dümmste Entscheidung, die vom Rat je gefällt wurde.“, fluchte ich vor mich hin. Haben die eigentlich eine Ahnung, was sie dem Jungen damit antun? Ich halte mich normalerweise aus dem gesamten Dorfleben heraus, doch auch ich hatte so einige Dinge über den Jinchuuriki gehörten. Einer der Gründe, warum ich ihn zunächst nicht im Team haben wollte. Jetzt wollte ich ihn auf jeden Fall.

„Das habe ich überhört!“ Für einen kurzen Moment war die Strenge in seine Stimme und in seinen Blick zurückgekehrt, ehe sich ein eher trauriger Ausdruck zeigte. „Du darfst Naruto auf keinen Fall sagen, dass du sein Bruder bist und auch von seinen Eltern darf er nichts wissen. Noch nicht!“

„Was? Warum?“ Das konnte doch nicht sein ernst sein! Sie verweigern ihm doch nicht wirklich seine Herkunft? Oder? Auf der Akte stand nur sein Vorname. Einen Nachnamen hatte ich nicht gelesen und auch jetzt auf dem zweiten Blick konnte ich keinen entdecken.

„Ich wollte es ihm sagen, wenn er etwas älter ist. Wenn er es vielleicht versteht. Damals war er noch zu klein. Und jetzt … Das wirst du gleich selbst sehen.“, seufzte der Hokage und erhob sich. Er bewegte sich auf die Tür zu und deutete mir, dass ich ihn begleiten sollte. Die Akte legte ich daher auf den Tisch zurück und machte mich dann daran ihm zu folgen.

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