Kin Hatake #14

Das Fenster in Kakashis kleinem Zimmer stand offen. Asuma lief irgendwo auf den Straßen rum und schaute, ob die anderen Bewohner bereits auf dem Rückweg waren. Es wäre ungünstig, wenn einer von ihnen mitbekam, dass ein Ninja von einer erscheinungspflichtigen Versammlung ferngeblieben war.
Derzeit hatte Kakashi das Licht im Raum an, weshalb sie vorsichtig waren. Sie trugen ihre Funkgeräte und Asuma würde ihn warnen, sollte jemand kommen. Sobald die anderen Bewohner des Wohnheims wieder im Haus waren, fiel es nicht mehr auf, dass er sich ebenfalls dort aufhielt.
»Und du hast wirklich keine passende Decke, die du einfach vors Fenster hängen kannst?«, fragte Asuma nach. Darauf drang ein leises Rauschen an Kakashis Ohr.
»Soweit ich weiß nicht, aber ich durchsuche gerade meinen Schrank. Vielleicht finde ich ja etwas«, funkte der Hatake zurück.
Darauf zog er eine Tüte aus seinem Schrank, in der sich einige Dinge befanden, die er einst aus seinem Elternhaus mitgenommen hatte. Eine zusammengerollte Decke lag darin. Sie war nicht groß genug, um das Fenster zu verdunkeln, aber deswegen hatte er sie auch nicht hervorgeholt. Diese Decke war einst seine Babydecke gewesen. Sie hatte ihn einige Jahre begleitet, bis er sie im Alter von 8 Jahren gegen ein größeres Exemplar ausgetauscht hatte. Behalten hatte er sie aus sentimentalen Gründen. Kakashis Mutter hatte sie selbst genäht. Es war eine Flickendecke, aus blauen Flicken mit weißen Linien und Punkten, und umgekehrt. Weiß und Blau. Das waren die Farben der Hatake.
Da sie gut eingepackt war, hatte sie keine Macken und sie müffelte auch nicht. Darauf legte Kakashi großen Wert, als er vorsorglich an ihr roch. Immerhin sollte Naruto jetzt diese Decke bekommen. Als er den Stoff ausbreitete, bemerkte er, dass auf der anderen Seite auch einige weiße Flicken mit Buchstaben zu sehen waren. Daran konnte er sich gar nicht erinnern.
»H K I N«, las Kakashi verwundert. Das H schien für Hatake zu stehen, das K für Kakashi. Vorausgesetzt, es war Absicht gewesen, dass diese Buchstaben sich auf der Decke befanden. Aber was bedeuteten die Buchstaben I und N? Oder war das ein Name?
»Was ist mit den Buchstaben?«, wollte sein neuer animalischer Mitbewohner darauf wissen. Offenbar hatte Kakashi die Buchstaben laut vorgelesen.
»Die stehen hier auf der Decke. H K I und N«, erklärte er dem Tier.
»Hatake, Kin. Ist das dein Bruder?«, wollte der Fuchs darauf wissen.
»Nein. So weit ich weiß bin ich ein Einzelkind, aber der Name ist gut. Wir könnten Naruto so nennen. Kin Hatake. Was hältst du davon?«, schlug er dem Fuchs vor.
Während Kurama über den Namensvorschlag nachdachte, widmete Kakashi sich wieder seinem eigentlichen Vorhaben und breitete die Decke über Naruto aus. Im Oktober war die Nachtluft bereits kühl und sie drang im Moment ungehindert durch das Fenster. Naruto sollte sich dadurch nicht erkälten.
»Kin heißt doch Gold. Goldig ist er jetzt aber nicht mehr, eher silbern. Wäre das nicht unpassend?«, meinte der Fuchs schließlich.
»Auch wieder wahr. Wie würdest du ihn denn nennen?«, wollte der Hatake darauf von Kurama wissen, doch der wirkte in erster Linie überrumpelt und wusste allem Anschein nicht, wie er mit der Frage umgehen sollte.
»Wieso fragst du mich das?«, war seine verdutzte Reaktion.
»Weil du der Vater bist, der noch lebt. Minato ist tot, den kann ich schlecht fragen«, entgegnete Kakashi darauf und wandte sich wieder dem Schrank zu. Er musste noch immer nach etwas suchen, dass er ins Fenster hängen konnte.
»Keine Ahnung. Darüber hab ich bisher nicht nachgedacht«, gab Kurama etwas später zu. »Ich wäre kein guter Vater, schon aus gesellschaftlicher Sicht nicht. An meiner Seite wäre er immer ein kleiner Dämon und alle würden ihm nachjagen. Deswegen solltest du ihn ja bekommen. Bei dir kann er ein ganz normales Kind sein«
»In einem Ninjadorf ist niemand normal, aber ich verstehe, was du meinst. Ich weiß nur nicht, ob deine Wahl so klug war« Kakashi hatte ernsthafte Bedenken zu seiner neuen Position als Vater. Er freute sich zwar, dass er Naruto jetzt bei sich hatte und ihn umsorgen durfte, aber er hatte auch etwas Angst davor.
»Minato vertraute dir. Du warst sein Schüler und für ihn, wie ein Sohn. Damit bist du so oder so ein Teil von Narutos Familie. Als Fremder konntest du Naruto nur sehr schlecht schützen. Jetzt als Vater hast du viel bessere Möglichkeiten, um auf ihn zu achten«, erklärte Kurama.
»Dieser Teil des Vaterseins ist für mich auch kein Thema. Mich lässt etwas anderes vor dieser Aufgabe zurückschrecken«, meinte Kakashi darauf.
Der Fuchs sagte kein Wort, aber der Hatake konnte dessen Blick auf seinem Rücken deutlich spüren. Innerlich rang er mit sich selbst. Schon seit Stunden dachte er über dieses Thema nach und kam nicht weiter. Es gab nicht viele Personen, mit denen er offen über seine Probleme redete. Eigentlich waren es nur drei und zwei davon war bereits verstorben. Vielleicht war es an der Zeit, sich jemand Neuem zu öffnen.
»Ich komme mit Nähe nicht gut klar«, deutete Kakashi an. Es war ihm klar, dass diese kurze Aussage nicht ausreichte, um das gesamte Ausmaß dieses Problems zu umschreiben, doch es war ein Anfang.
Der Fuchs äußerte sich nicht dazu. Offenbar wartete er erstmal ab, was noch kam. Diese Reaktion war Kakashi lieber, als deine anstrengende Diskussion.
Ihre ganze Situation war sonderbar. Allein die Familienzusammenstellung war ein Chaos, dass ein Außenstehender nur schwer begreifen konnten. Sie mussten daher einander vertrauen können, wenn diese ungewöhnliche Wohngemeinschaft funktionieren sollte.
Kakashi atmete daher noch einmal durch und wagte einen weiteren Vorstoß. »Bisher hat mich jeder verlassen, der mir irgendwann ans Herz gewachsen ist. Jedes Familienmitglied, ob verwandt oder nicht – und auch Freunde und Teamkameraden. Was noch übrig ist, halte ich auf Distanz, damit sie mir nicht auch noch abhandenkommen. Ich will nicht schon wieder jemanden verlieren«, gab er zu.

Kurama starrte dem Hatake in den Rücken. Er konnte in etwa wittern, in welcher emotionalen Lage der Mann sich befand. Die meisten Tiere konnten das und die Sinne von Tierdämonen Waren sogar noch feiner.
»Du wirst jetzt nie wieder allein sein«, versuchte er Kakashi aufzumuntern.
»Ich weiß. Und genau das macht mir Angst«, gab der Hatake zu. Kurz darauf zuckte der Mann erschrocken zusammen.
Kurama war ihm auf die Schulter gesprungen und rieb den Kopf an Kakashis Hals.
»Du bist jetzt Teil meines Dämonenrudels«, begann Kurama. Darauf leckte er Kakashi kurz durchs Gesicht, ehe er weitersprach. »Wir Dämonen leben länger und sind widerstandsfähiger als gewöhnliche Sterbliche. Ganz egal was kommt, uns beide wirst du nicht so schnell wieder los«
»Ist das ein Versprechen?«, wollte Kakashi wissen. Er wirkte unsicher. Die Angst, dass man ihn trotzdem wieder allein zurücklassen würde, war irrsinnig. Er wusste eigentlich, dass es weder an ihm, noch an diesen Personen lag, dass sie irgendwann aus seinem Leben verschwanden. Trotzdem lähmte allein der Gedanke ans Verlassen werden, seinen Verstand.
»Wir bleiben zusammen. Darauf hast du mein Wort als dein Alpha. Und für Dämonen ist ein gegebenes Wort ein Gesetz!«, versprach der Tierdämon.
Nickend gab Kakashi dem Fuchs ein Zeichen, dass er verstanden hatte. Das gemurmelte »Danke«, war sehr leise, wurde durch ihre Nähe und Kuramas außergewöhnlichen Ohren problemlos gehört.
»Nichts zu danken, kleiner«, meinte der Alphafuchs darauf. Erneut rieb er seinen Kopf am Hals des Menschen. Für den Moment genossen beide die Nähe. Kakashi begann sogar dem Fuchs den Nacken zu kraulen, was Kurama sichtlich gefiel.
»Wegen dem Namen. Wir finden schon etwas Passendes. Gemeinsam«, meinte Kakashi schließlich. Kuramas halb brummende, halb schnurrende Reaktion fasste er als Zustimmung auf.

 

 

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